Früher wurde die Kleidung vom Status bestimmt. Und auch wenn sich die heutige Gesellschaft freier und ungezwungener mit der Kleiderordnung befasst, kommen Fashion-Fragen nie aus der Mode. Denn nach wie vor gilt: „Kleider machen Leute“.

Und es ist eben kein mottenzerfressener Spruch. Vor allem, wenn es darum geht, was man im Büro-Alltag trägt. Aber muss es immer Anzug oder Hosenanzug sein? Und welche Wirkung hat die Kleidung auf den Geschäftsalltag?

Die Freiheit, nicht abzuweichen

Die Kleiderwahl ist grundsätzlich frei. Das gilt branchenübergreifend. Viele Unternehmen verzichten auf explizite Kleidervorschriften. Beinahe zumindest. So sind in manchen Berufen Uniformen und Arbeitskleidung Pflicht. Denn Uniformen gelten der “besonderen Kenntlichmachung im dienstlichen Interesse”. Betroffen: Polizisten, Ärzte, Köche, Richter und viele andere.

Theoretisch sowie praktisch kann jeder Arbeitgeber, gestützt auf sein Direktionsrecht, die Mitarbeiter zum Tragen branchenüblicher Kleidung anweisen. Die einzige Begrenzung: das Bürgerliche Gesetzbuch. So besagt Paragraph 315, dass die Interessen des Arbeitnehmers gegen die des Betriebs abgewogen werden müssen.

Gerlind Wisskirchen, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Köln, erklärt: “Im Banken- und Versicherungswesen sowie überall dort, wo Beraterleistungen im Vordergrund stehen, wird eine Interessenabwägung regelmäßig zugunsten der betrieblichen Interessen ausfallen. Denn gerade in diesem Bereich sind Auftreten und äußeres Erscheinungsbild des Arbeitnehmers besonders wichtig.”

In kreativen Berufen ist das Anzugstragen beispielsweise geradezu verpönt. Der klassische Business Dresscode hingegen ist in Deutschland vergleichsweise streng, zumindest in den Büros der konservativen Branchen wie Banken, Versicherungen und der Juristerei. Hier ist der Anzug in gedeckten Farben oftmals Pflicht. Das hängt aber immer von der jeweiligen Unternehmenskultur ab. Dabei interessant: nicht nur die Außenwahrnehmung ändert sich mit der Garderobe.

Die Wirkung macht es

Thomas Mann soll während des Verfassens seiner Bücher stets einen Anzug und die dazu passende Fliege getragen haben. Und das Erscheinungsbild von Steve Jobs war in seinen letzten Jahren geprägt von schlichter Jeans und Rollkragenpullover in schwarz. Dass diese Marotte der beiden erfolgreichen Männer kein Zufall oder aus reiner Bequemlichkeit herrührt bestätigte der Psychologe Abraham Rutchick und seine Kollegen von der California State University in seiner Studie.

Leute denken Kleider, tragen Selbstvertrauen

So bestätigten der Psychologe und sein Team den direkten Einfluss der Kleidung auf unser Denken. Ihr Experiment: Sie luden 90 Studenten zu verschiedenen Assoziationstests ein. Die eine Hälfte trug während der Tests Alltagskleidung. Der Rest war formell gekleidet.

Das Ergebnis: “Die formell gekleideten Probanden waren in der Lage, abstrakter und ganzheitlicher zu denken”, sagt Rutchick.

Forscher der Yale University untersuchten außerdem den Einfluss unserer Kleidung auf den Hormonhaushalt. Das Experiment: sie ließen Männer entweder in Anzug, Jogginghose oder Alltagskleidung ein fiktives Geschäftsabkommen verhandeln. Das Ergebnis: Die Anzugträger waren nicht nur dominanter und erfolgreicher als die anderen, sie hatten auch einen konstant hohen Testosteronspiegel.

Das Gegenüber verstehen

Obwohl Steve Jobs keinen Anzug trug, kannte er die Wirkung seiner Kleidung. Und er ließ dieses Wissen für sich arbeiten. Denn Steve legte viel Wert auf den Lifestyle seiner Zielgruppe. Jung, kreativ und zukunftsorientiert. Auch deshalb kauften die jungen Menschen sein Produkt. Sehen und begegnen wir Menschen mit ähnlichem Geschmack, dann finden wir diesen automatisch sympathischer. Wir glauben zu wissen, was uns erwartet, und fühlen uns sicher. Deshalb geben wir Menschen, die uns sympathisch sind, auch einen Vertrauensvorschuss.

Darum ist es durchaus sinnvoll, sich mit dem Dresscode des Umfelds auseinanderzusetzen, aus dem Ihre Wunschkunden kommen. Nicht, um sie eins zu eins zu kopieren, sondern um sich bewusst zu machen, wie die eigene Erscheinung auf Kunden und Interessenten wirken könnte. Wenn Sie also merken, dass die überwiegende Mehrheit Ihrer Kunden Jeans tragen, können Sie ebenfalls getrost zum freiheitsliebenden US-Symbol greifen. Es sei denn, Sie persönlich fühlen sich in Anzughosen wohler.