Köln, Juni 2017: Ein Elektriker erneuert gemeinsam mit seinem Auszubildenden Leitungen in der Wohnung einer älteren Dame. So weit, so unspektakulär. Doch: Im gleichen Haus ist eine Bankfiliale. Der Azubi nimmt Bohrungen vor. Und bemerkt nicht, dass er in der falschen Wand bohrt. Nämlich der Wand, die direkt an die Bank anschließt. Das Ende vom Lied? Die Bank meldete einen möglichen Einbruchversuch und alarmierte die Polizei. Die Kosten von 2.000 bis 3.000 Euro muss der Elektriker begleichen.

Diese Haftpflicht-Meldung erreichte Markus Wulfert, Leiter Haftpflicht Schaden der Gothaer, im vergangenen Jahr. In seiner täglichen Arbeit ein kurioser Fall. Existenzbedrohend wäre der Schaden des Elektrikers auch ohne Absicherung für viele Unternehmen nicht. Doch die Meldung zeigt, wie schnell ein Fehler passieren kann.

Die wilden Jahre sind vorbei

Die hohen Gründungsquoten der deutschen Startup-Szene scheinen vorbei zu sein. Im Jahr 2016 wagten laut aktuellem KfW-Gründungsmonitor insgesamt 672.000 Menschen in Deutschland den Schritt in die Selbständigkeit. Noch vor 15 Jahren war diese Zahl mehr als doppelt so hoch (etwa 1,5 Millionen Gründer im Jahr 2001). Vor allem der Beschäftigungsrekord auf dem Arbeitsmarkt wirkt sich stark auf die Gründungstätigkeit aus, so die Autoren des KfW-Gründungsmonitors.

Anzahl der Gründer im Jahr 2001

Anzahl der Gründer im Jahr 2016

Am Anfang fällt jeder Cent ins Gewicht

„Unternehmer tragen vom ersten Tag an Verantwortung genug. Gerade Gründer haben ja wirklich etwas anderes im Kopf. Ihr Geld steckt in der neuen Firma. Deshalb sollten sie keine zusätzlichen Risiken eingehen“, so Markus Wulfert.

Selbst wenn der Schaden verhältnismäßig gering ist, fällt gerade am Anfang jeder Kostenpunkt ins Gewicht. Welche Schäden erlitten Unternehmer-Kunden der Gothaer im vergangenen Jahr? Und wie konnten sie sich schützen? Darüber haben wir mit Markus Wulfert gesprochen.

Herr Wulfert, welche Schadensmeldungen erhalten Sie am häufigsten von Unternehmern?

Markus Wulfert: Neu gegründete Unternehmen sind vor allem für Einbrecher interessant. Maschinen und Geräte in der Firma sind neuwertig und lassen sich besonders gut weiterverkaufen. Unsere Erfahrung zeigt auch: Die größten Gefahren drohen Unternehmen mit vielen Werkzeugen und Maschinen. Und im Schadensfall ist es besonders teuer diese zu ersetzen.

Haben Sie hier ein klassisches Beispiel für uns?

Markus Wulfert: Gefährlich wird es für Unternehmen, wenn der Schaden nicht vorhersehbar ist. So geschehen im vergangenen Jahr. Ein Kunde, dessen Firma noch nicht einmal ein Jahr bestand, meldete einen Schaden, der sich insgesamt auf etwa 200.000 Euro belief. Das kann einen Existenzgründer im ersten Jahr den Betrieb kosten.

Was ist passiert?

Markus Wulfert: Nach einem Unwetter wurde sein kompletter Maschinenpark überschwemmt. Und das, obwohl das Gelände weit entfernt von einem Fluss oder Gewässer liegt. Doch auf dem Hang sammelte sich das Wasser, konnte nicht ablaufen und flutete schließlich die komplette Halle und somit die Maschinen. Neben der Neuanschaffung der Geräte, musste auch der vorübergehende Arbeitsausfall kompensiert werden.

Im ersten Jahr ist das ohne Absicherung kaum zu finanzieren. Im schlimmsten Fall wäre die komplette wirtschaftliche Existenz gefährdet. Denn je nach Unternehmensform steckt in der Firma oft auch das private Vermögen.

Welche Meldungen waren im vergangenen Jahr besonders häufig?

Markus Wulfert: Besonders häufige Schäden entstehen beispielsweise durch Feuer oder Überschwemmungen und betreffen vor allem das Inventar oder das Gebäude. Auch Meldungen zu Schäden, die durch Mitarbeiter oder den Unternehmer selbst an Dritten verursacht wurden, erreichen uns regelmäßig. Jedoch seltener als Elementarschäden. Betrachtet man die von uns erbrachte Leistung im Schadensfall, so sind die beiden Bereiche aber ziemlich ausgeglichen.

Woran liegt das?

Markus Wulfert: Ein Schaden, der Dritte betrifft, kann ein viel größeres Ausmaß annehmen. Nehmen wir das produzierende Gewerbe: Stellt ein Unternehmen beispielsweise Produkte her, die anschließend in Maschinen oder Fahrzeugen verbaut werden, hat eine fehlerhafte Eigenproduktion weitere Gefahrenquellen zur Folge. Alle Geräte, in die das Teil eingebaut wurde, sind betroffen und müssen ausgebessert werden.

Hier ein konkretes Beispiel: Ein Kunde musste mehr als 10.000 Geräte zurückrufen. Das verursachte einen Gesamtschaden von mehreren Millionen Euro. Wie häufig der Fall, handelte es sich hierbei um Flüchtigkeitsfehler, die Mitarbeitern unter Arbeitsdruck passierten. Diese verursachten Folgekosten sind im Vornherein nicht einschätzbar.

Bekommen Sie auch Schadenmeldungen von Unternehmen, die keine Absicherung haben – die also erst kommen, wenn es eigentlich zu spät ist?

Markus Wulfert: Das kommt leider immer wieder vor. Es ist wie so oft: Ist der Schaden passiert, handelt der Mensch. Vergleichen wir das mit der Kfz-Versicherung: Hier akzeptieren wir, dass wir diese brauchen und versichern ein neues Auto ganz automatisch.

Bei der gewerblichen Absicherung sollte das Bewusstsein dafür ebenfalls wachsen. Gerade für Existenzgründer muss die Gewerbeversicherung im Baukasten der ersten Schritte enthalten sein. Doch die Realität zeigt: häufig zählt sie nicht zu den Prioritäten. Und es gibt keine offizielle Aufforderung, sich darum zu kümmern.

Wie kann dieses Bewusstsein Ihrer Meinung nach geweckt werden?

Markus Wulfert: Ganz klar über die Beratung. Und das bedeutet nicht, dass diese unbedingt von Versicherern und Vermittlern kommen muss. Existenzgründer führen gerade im Anfangsprozess auch viele Gespräche mit Handwerks- oder anderen Berufskammern. Auch dort sollten sie auf die Absicherung ihrer Existenz hingewiesen und über die enorme Wichtigkeit einer betrieblichen Versicherung aufgeklärt werden.

Im nächsten Schritt ist es natürlich gerade bei der Gewerbeversicherung wichtig, dass man sich umfassend persönlich beraten lässt. Für Einsteiger ist die Sicherung der Existenz natürlich komplex. Da ist die eigene Recherche über das Internet oder gar der Online-Abschluss einer Versicherung nicht zu empfehlen. Hier sind Vermittler gefragt.

Ein Kunde meldet Ihnen einen Schaden. Wie wird der Fall in Ihrer Abteilung behandelt?

Markus Wulfert: Wir sind im Schadencenter 24 Stunden für unsere Kunden erreichbar. Dadurch können wir Anfragen der Kunden jederzeit telefonisch entgegennehmen. Aber auch per Mail oder das Online-Formular reagieren wir innerhalb kürzester Zeit am selben Tag und setzen uns mit dem Kunden persönlich in Verbindung. Einen garantierten 24-Stunden-Leistungsservice gibt es nicht. Aber das ist auch vonseiten der Kunden nicht erforderlich. Wir legen großen Wert auf eine schnelle, persönliche Abstimmung. Und dabei besprechen wir von Fall zu Fall individuell mit den Unternehmern wie schnell ein Gutachter vor Ort sein muss.

Im ersten Schritt nehmen wir den Schaden auf, klären mit dem Kunden die Details und schätzen so das Ausmaß ein. Auf dieser Grundlage werden die Fälle priorisiert. Bei Schäden, die besonders brisant sind – beispielsweise wenn Dritte zu Schaden kommen oder eine schnelle Leistungserstattung für das möglichst ausfallfreie Weiterführen des Betriebs nötig ist – sind unsere Gutachter innerhalb weniger Stunden vor Ort. Kleinere Schäden melden Unternehmer gerne nach ihrem Arbeitstag per Mail. In diesen Fällen ist es häufig nicht erforderlich, dass unsere Mitarbeiter sofort dort sind. Das besprechen wir jedoch immer persönlich mit unseren Kunden und gehen dabei auf ihre Wünsche ein.

Herr Wulfert, vielen Dank für das ausführliche Gespräch!
Titelbild: © Gothaer