Ein Wissenschaftler mit ruhiger Hand, der an einer staatlichen Fachbehörde arbeitet und sich hin und wieder auf der Suche nach verlorenen Schätzen auf abenteuerliche Weltreise begibt? Cineasten denken bei dieser Beschreibung an den Archäologen Indiana Jones. Unsere Interviewpartnerin, die Diplomrestauratorin Stephanie Gasteiger, findet den Vergleich etwas hochgegriffen. Doch auch sie hatte schon bedeutende Ausgrabungsfunde vor sich. War sogar an Ausgrabungen in Troia beteiligt. Wie der Berufstand des Restaurators arbeitet und über die Vielfältigkeit der Tätigkeit berichtet sie im Gespräch.

Redaktion: Frau Gasteiger, wie verläuft die Ausbildung zum Restaurator? Sind hierzu bestimmte Talente Voraussetzung?

Stephanie Gasteiger: Es gibt zwei Wege, um Restaurator zu werden. Zum einen über das Handwerk. Nach der handwerklichen Gesellen- und Meisterprüfung besteht die Möglichkeit, sich zum Restaurator im Handwerk fortzubilden. Personen mit dieser Ausbildung sind anschließend häufig im Handwerk und in der Baudenkmalpflege tätig. Für das Studium des Restaurators, angeboten an spezialisierten Universitäten, Kunstakademien oder Fachhochschulen, ist ein einjähriges Vorpraktikum erforderlich. Zu meiner Zeit dauerte dieses noch drei Jahre. In der Restaurierung gibt es verschiedene Fachbereiche, die sich aus den Materialien beziehungsweise Kunst- und Objektgattungen ergeben. Die größten sind sicherlich Gemälde und Skulptur sowie Möbel, weitere sind beispielsweise Archäologisches Kulturgut, Textil oder Fotografie. Die Studiengänge schließen nach drei beziehungsweise fünf Jahren mit einem Bachelor oder Master ab.

Zum Beruf des Restaurators gehört immer ein gewisses Maß an handwerklichem Geschick und Fingerfertigkeit, ebenso wie Einfühlungsvermögen für die zu bearbeitenden Gegenstände. Es ist auch wichtig in der jeweiligen Objektgruppe kulturgeschichtlich bewandert zu sein. Zudem ist naturwissenschaftliches Wissen elementar. Chemisches und physikalische Kenntnisse sind nötig, um zu wissen, aus welchen Materialien die Objekte bestehen, was zu ihrem Zerfall geführt hat. Daraus wird geschlossen, wodurch sie Schaden nahmen und nehmen könnten und was dagegen unternommen werden kann. Mit diesem Wissen lassen sich nachhaltige und alterungsbeständige Lösungen entwickeln. „Praktische Chemie“, wie ich es nenne.

Redaktion: Sie sprachen bereits die Objektgruppen an. Welche Spezialisierungen gibt es in dem Bereich der Restauration? Und wie groß sind die jeweiligen Bereiche?

Stephanie Gasteiger: Der Verband der Restauratoren (VDR) umfasst rund 3.000 Mitglieder, verteilt auf 19 Fachbereiche. Zu diesen zählen beispielsweise Musikinstrumente, moderne und zeitgenössische Kunst, technisches Kulturgut oder auch Stein, Wandmalerei, ethnologische Objekte und Film-Foto-Datenträger. Hinzu kommen die Restauratoren im Handwerk. Ich schätze, dass es in Deutschland insgesamt etwa vier- bis fünftausend Restauratoren gibt.

Redaktion: Wie schafft sich der Restaurator einen Kundenstamm und wer sind die Auftraggeber? Gibt es vielleicht sogar internationalen Anfragen?

Stephanie Gasteiger: Ich selbst bin Angestellte beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, besitze also keinen direkten Kundenstamm, stehe gelegentlich als Auftraggebervertreter oder Experte freiberuflichen Restauratoren gegenüber. Bereits Studium und Ausbildung sind darauf ausgerichtet, viel praktische Erfahrung zu sammeln – Zeit, in der viele Kontakte geknüpft werden. Hier beginnt der Aufbau des Netzwerks. Auch auf Tagungen bietet sich die Möglichkeit des Austausches und Kennenlernens. Je nach Tätigkeitsbereich beginnt der Aufbau des Kundenstammes mit dem Beginn der Ausbildung.

Auftraggeber vieler großer Vergaben für freiberufliche Restauratoren sind Denkmalämter, Schlösserverwaltungen, Museen et cetera. Der größte Anteil an Aufträge dürfte den Bereichen Gemälde, Möbel, Raumausstattung, Baudenkmalpflege, Kulturgüterverwaltungen und Archivgut zuzurechnen sein. Hinsichtlich internationaler Anfragen finden durchaus Kooperationen statt. Mit Spezialisten wird grenzübergreifend gearbeitet.

Redaktion: Sie beschäftigen sich in Ihrem Handwerk mit historischen und sehr wertvollen Gegenständen. Wie hoch ist das Risiko eines Schadens? Ist Ihnen selbst schon mal ein Missgeschick unterlaufen?

Stephanie Gasteiger: Die Ehrencodices und Konventionen der Berufsverbände formulieren, dass es keine Rolle spielen darf, welchen Wert ein Objekt hat. Wichtig sind Authentizität und Originalität der Objekte sowie deren Werte. Der Wert wiederum umfasst viele Facetten, beispielsweise des Alters, aber auch geschichtliche, ästhetische, stilistische oder auch persönliche Werte, um nur einige zu nennen.

Das größte Risiko für Objekte liegt in der Handhabung und Nutzung durch den Menschen. Wenn Objekte jedoch nicht genutzt werden, werden sie nicht gepflegt, sie werden vernachlässigt, es schwindet dadurch auch ihr Wert.

Grundsätzlich sind all unsere Arbeiten darauf ausgelegt, jegliches Risiko zu berücksichtigen, vorbeugend zu minimieren und entsprechend zu vermeiden. Denn: entstandene Schäden können mit entsprechendem Wissen und Können so weit als möglich behoben, aber nicht rückgängig gemacht werden. Daher gewann der Bereich des Risk Management in den letzten Jahren verstärkt an Bedeutung.

Mir selbst ist einst als Studentin im Sommer auf einer Ausgrabung ein kleines zerbrochenes Keramikgefäß, dessen Bearbeitung fast vollendet war, zerbrochen. In der letzten Arbeitswoche der Grabungskampagne herrschte in der Werkstatt eine hektische Aufbruchsstimmung. Durch eine unbedachte Bewegung fiel das Töpfchen vom Tisch. Meine Aufgabe, das Töpfchen zusammenzukleben, begann erneut – die neuen Brüche werden von Kennern immer zu sehen sein.

Redaktion: Angenommen, ein Objekt lässt sich nicht wieder „zusammenkleben“. Wie sichern Sie entsprechende Schäden ab?

Stephanie Gasteiger: Als angestellte Restauratorin bin ich über meinen Arbeitgeber versichert, grob fahrlässige Schäden ausgenommen. Für selbstständige Restauratoren empfiehlt sich eine Objektversicherung. Viele Schäden sind mit Geld vielleicht monetär, nicht jedoch umfänglich wiedergut zu machen. Geminderte Werte lassen sich dadurch nicht wieder herstellen. Und was verloren ist, ist verloren. Denken Sie zum Beispiel an den Brand in der Weimarer Amalia Bibliothek, das Säureattentat auf Bilder von Albrecht Dürer in der Alten Pinakothek in München oder die Auswirkungen des Irakkriegs auf unersetzliche Kulturgüter.

Redaktion: Der Beruf scheint oft herausfordernd zu sein. Welche Aspekte machen ihn für Sie dennoch zum Traumberuf?

Stephanie Gasteiger: Für mich macht die Verknüpfung unserer Arbeit als Restauratoren mit Naturwissenschaftlern, Archäologen, Historikern, Kunsthistorikern und anderen Experten sowie die Arbeit an und mit den einmaligen historischen Zeugnisquellen den besonderen Reiz aus.

Praktische Fähigkeiten gehen Hand in Hand mit Kulturgeschichte, Naturwissenschaft und historischem handwerklichem Wissen.

Die Faszination einzelner Objekte wird über das ganze Berufsleben anhalten, da es in unserem Tätigkeitsbereich immer wieder spannende Objekte gibt, viel Raum, um die Werke und Fähigkeiten früherer Zeiten zu erforschen, zu bewundern und bekannt zu machen. Daran teilhaben zu können, Kulturgüter für kommende Generationen zu sichern, macht die Arbeit für mich so wertvoll.

Schließlich ist mir ist Nachhaltigkeit ein Anliegen. Die Kulturgüter, an denen wir arbeiten sind endlichen Ressourcen. Wir müssen sorgsam mit ihnen sorgsam umgehen – so wie wir es mit all unseren Ressourcen tun sollten.

 

Über unsere Expertin

Die gebürtige Münchnerin und Diplomrestauratorin Stephanie Gasteiger arbeitet beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
Ihr Studium absolvierte Gasteiger im Fach „Restaurierung archäologischer, ethnologischer und kunsthandwerklicher Objekte“ an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Sie engagierte sich zudem im Verband der Restauratoren.

 

Titelbild: © Stephanie Gasteiger

Stephanie Gasteiger

Mitglied der NewFinance-Redaktion mit beruflichem Hintergrund in der PR und Wurzeln am Chiemseeufer. Ist ganz nach Friedrich Nietzsche davon überzeugt, dass die Glücklichen neugierig sind. Und ebenso umgekehrt.

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