Wie funktioniert die Versicherung von Großevents in Zeiten globaler Unsicherheit? Welches Fachwissen müssen Versicherungsmakler für diese besondere Sparte mitbringen? Über diese und weitere Fragen haben wir mit Matthias Glesel gesprochen. Er ist Geschäftsführer von CompactTeam und seit über 20 Jahren auf diese Domäne spezialisiert. Und hat schon Events jeder Größenordnung und Kategorie versichert: „Von kleinen Workshops mit 20 Teilnehmer bis hin zu Fanmeilen mit mehreren Millionen Besuchern versichern wir alles.“ Im Interview verrät er uns auch, welches Event er schon immer mal versichern wollte.

Redaktion: Wie kam es bei Ihnen zu dieser Spezialisierung? Und haben Sie sich in den Größenordnungen Stück für Stück hochgearbeitet?
Matthias Glesel, Geschäftsführer von CompactTeam

Matthias Glesel: Eigentlich per Zufall. Zu meinen ersten Kunden gehörten Messebauer – damalige Kommilitonen des BWL-Studiums und Zeltverleiher, für die wir die Sommerfeste der US-Botschaft am Brandenburger Tor versichern sollten. Das haben wir hinbekommen, obwohl keiner so richtig Zelte versichern wollte. Schon damals hatten wir große Events wie die Deutsche Tourenwagen Masters oder Zukunftswerkstatt Deutschland, Automobilpremieren für Mercedes. Eigentlich kamen die kleineren Veranstaltungen dann dazu.

Wir wussten, was unsere Zielgruppe für einen tatsächlichen Bedarf hat und haben selber bei Messen, Festivals, Konferenzen mitgearbeitet, als Helfer bei Bühnen, Zelt, Ton, Licht, Ordnungsdienst und so weiter.

Redaktion: Gibt es grundsätzliche Risiken, die jedes Event zu versichern hat? Oder ist das komplett unterschiedlich von Fall zu Fall?

Matthias Glesel: Die zwingende Basis sollte immer die Haftung sein. Und die des Veranstalters geht weit, ähnlich, wie beim Versicherungsmakler. Der BGH sagt, dass das Wohlbefinden und die Unversehrtheit des Besuchers oberste Priorität des Veranstalters zu sein haben. Da es eine gesetzliche Verpflichtung nur im Bereich rennsportlicher Veranstaltungen gemäß Abs. 2 der Verwaltungsvorschrift zu § 29 StVO gibt und darüber hinaus bei der Nutzung öffentlicher Flächen und Gebäude verlangt wird, sind viele der rund 3,9 Millionen Veranstaltungen in Deutschland im Jahr nicht versichert. Natürlich sieht das bei Nutzung von Kongresshallen, Eventlocations oder Stadien professioneller aus und wird zur Auflage gemacht.

„Aber gerade viele Vereinsveranstaltungen sind unversichert. Wer sich als gewerblicher Veranstalter nicht haftpflichtversichert, hat im Falle eines Personenschadens auch rechtliche Konsequenzen zu erwarten. Das Platzen des Loveparade-Prozesses spielt da leider keine positive Rolle.“

Über die Haftpflichtrisiken hinaus – und die sind schon komplex genug – kommt dann die Versicherung von jeglichem Equipment. Das ist meist ja nur temporär angemietet. Außerdem ist die Ausfallversicherung ein Kernthema. Ergänzt wird das durch spezielle Lösungen für Musikinstrumente, Werbeerfolg und Ticketrückgabe. Aber auch Vermögensschäden zum Beispiel für Veranstaltungsleiter und Weddingplanner müssen bedacht werden. Oder die Kaskoergänzung bei Mietflotten, Garderobenversicherung, Hochzeitsversicherungen. Und natürlich die Rahmenverträge für die Profis wie Technik- und Zeltvermieter, Event-und Kommunikationsagenturen, Sportverbände, Musiker, DJs und vieles mehr.

Redaktion: Wie gehen Sie mit behördlichen Auflagen um? Und wie sind Sie in die Entwicklung der Sicherheitskonzepte involviert?

Matthias Glesel: Wir sind seit vielen Jahren in die Vorplanung und Organisation eingebunden und kennen uns mit den rechtlichen Grundlagen aus. Die Branchenbibel ist die Versammlungsstättenverordnung. Da es sich um Länderzuständigkeit handelt, sind auch in den Bundesländern die rechtlichen Rahmen nicht einheitlich.

„Ein Festival an einem See, der in zwei Bundesländern anliegt, muss im einen Bundesland ein Sicherheitskonzept ab 1.500 Besuchern, im anderen ab 5.000 Besuchern erstellen.“

Ich bin selber als Veranstaltungsleiter oder Projektleiter für Kunden tätig geworden. Aber auch als Flächenverantwortlicher bei diversen Zentralfeiern zum Tag der Deutschen Einheit im Auftrag der Eventagenturen, oder den zuständigen Staatskanzleien. Zudem als Mitvorstand im DEB e.V. (Deutscher Expertenrat für Besuchersicherheit) aktiv, bin auch gelegentlich Referent bei der TÜV Nord Akademie und anderen Bildungsträgern zum Thema Eventsafety.

Redaktion: Welche Kategorie von Event ist aus Ihrer Sicht am schwersten zu versichern? Konzerte, Festivals, Sportveranstaltungen, Fanmeilen oder etwas ganz anderes?

Matthias Glesel: Kongresse, Messen und Konferenzen sind relativ einfache Risiken. Denn die Veranstaltungsorte sind bereits baulich zugelassene Versammlungsstätten und werden regelmäßig kontrolliert werden. Das gilt auch für Sportstadien und Mehrzweckhallen ab 5.000 Plätzen. Openair-Festivals, die etabliert sind, stellen eher von der Größenordnung Probleme dar. Dort sind die Wetterrisiken ein Hauptthema: Ist Ausfallschutz überhaupt zu bekommen und bezahlbar? Es ist ein Trend, für Feste und Parties immer ausgefallenere Orte zu suchen und das stellt auch die Risikobewertung vor neue Herausforderungen. Häufig werden uns neuartige Events angetragen, die vom Konzept her absolut illegal sind. Oft sind die Kunden verblüfft, wenn wir sie über solche Dinge aufklären.

„Selbst eine vermeintlich harmlose Spendensammlung in einer Kirche durch einen gemeinnützigen Verein kann eine illegale Veranstaltung sein, wenn sie nicht im Nutzungszweck aufgeführt ist und keine temporäre Genehmigung eingeholt wird.“

Auch der zunehmende Einsatz modernster Technik bei Lasershows, oder im e-Sport verlangt flexible Quotierungsgrundlagen. Ein schweres Risiko sind auch Trail-Running-Events im Hochgebirge. Dagegen sind die bei einigen Versicherern ungeliebten, oder zuschlagsbewehrten Punk- oder Heavy Metal-Konzerte gar nicht schadentechnisch auffällig. Nach circa 200.000 versicherten Events, darunter diverse Rockkonzerte und -Festivals, können wir das mit Bestimmtheit sagen. Bei uns kosten sie nicht mehr als ein Volksmusikabend.

Redaktion: Und wo entstehen die meisten Schäden?

In der Schadenfrequenz führen die Abschlussparties von Abijahrgängen und Studentenschaften. Mangels professioneller Organisation und auch wegen entsprechendem Alkoholkonsum der Besucher. Diese Schäden sind aber zum Glück von meist geringer Höhe.

Redaktion: Welches Event, das Sie versichert haben, werden Sie nie vergessen?

Matthias Glesel: Das ist schwer. Event ist Emotion. Gehört ja nicht umsonst zu unserem Slogan. Sich da auf eins zu beschränken ist unmöglich. Unvergessen bleibt die Milleniumsfeier am Brandenburger Tor oder die FIFA WM-Fanmeile 2006. Mit fast zehn Millionen Besuchern die größte Veranstaltung, die es in Deutschland je gab. Und so dermaßen friedlich und schadensarm, so weltoffen, wie wir es wohl nie wieder erleben werden. In jedem Fall auch der Empfang des Weltmeisters 2014 in Berlin. Und sicher würden mir noch viele andere einfallen, auch kleinere. Beispielsweise Anna Netrebko in der Royal Albert Hall in London. Aber auch durchaus außergewöhnliche, wie das LINKIN PARK-Konzert in der Alten Försterei Berlin.

„Besonders ausgefallen war die Hochzeit einer Oligarchen-Tochter mitten in der Negev Wüste (Israel) mitsamt hingezauberter Zeltstadt und eigens aus London eingeflogenem Royal Symphony Orchester.“

Oder Robbie Williams in Taschkent. Dazu diverse exotische Firmen- und Privatevents, über die ich aber nicht sprechen darf. Technisch anspruchsvoll war die Kulturhauptstadt Europas 2014, Umea. Dort standen alle Aggregate und technischen Geräte auf dem vereisten Fluß und die Wärmeabgabe war ein Problem. Schließlich durfte da ja nichts versinken.

Redaktion: Gibt es ein Event, das Sie unbedingt gerne versichern würden?

Matthias Glesel: Gibt’s tatsächlich. Einmal das Tomorrowland-Festival komplett. In Teilen waren wir dort schon aktiv. Und sicher sehe ich immer mal wieder Bilder einer tollen Veranstaltung, wo ich dann denke, die würden wir auch gern versichern.

Redaktion: Herr Glesel, vielen Dank für die spannenden Antworten!

Matthias Glesel: Sehr gerne, jederzeit.

Titelbild: © 9parusnikov/stock.adobe.com; Beitragsbild: © Matthias Glesel

Konstantin von Essen

Exil-Hamburger, dem es an der Isar überraschend gut gefällt. Entschied sich nach dem Politik- und Geschichtsstudium in der schwäbischen Provinz gegen die Karriere als Taxifahrer. Und ist seit 2017 Redakteur der NewFinance Mediengesellschaft.

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